Warum der Blick die Prepper-Szene systematisch verzerrt
Ein weiterer Artikel über „Ängste“ und „Abgründe“ zeigt weniger die Realität von Preppern – als vielmehr ein wiederkehrendes Problem im Umgang mit dem Thema.
Ein Keller voller Vorräte, ein Kopf voller Ängste.
So rahmt der Blick erneut einen Artikel über die Prepper-Szene. Es ist ein bekanntes Muster: Zuspitzung, Psychologisierung und die gezielte Reduktion eines komplexen Themas auf ein einfaches Narrativ.
Neu ist daran wenig. Problematisch hingegen schon.
Denn wer sich heute mit Krisenvorsorge beschäftigt, bewegt sich nicht am Rand der Gesellschaft – sondern im Einklang mit staatlichen Empfehlungen. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung rät der Bevölkerung seit Jahren, einen Notvorrat für rund eine Woche anzulegen. Wasser, Lebensmittel, Batterien, Radio, Medikamente: genau jene Dinge, die im Blick-Kontext regelmässig als Ausdruck eines vermeintlichen „Prepper-Mindsets“ dargestellt werden.
Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob Vorbereitung sinnvoll ist.
Sondern warum sie wiederholt verzerrt dargestellt wird.
Ein bekanntes Muster
Der aktuelle Artikel ist formal ein Interview mit dem Kulturwissenschaftler Julian Genner. Seine Forschung zur Szene ist legitim und verdient eine differenzierte Betrachtung.
Was daraus gemacht wird, folgt jedoch einem bekannten Schema:
Aus einer wissenschaftlichen Perspektive wird ein boulevardtaugliches Narrativ konstruiert. Begriffe wie „Abgründe“ und „Ängste“ dominieren die Tonalität, während gleichzeitig eingeräumt wird, dass es sich bei Preppern oft um „relativ gewöhnliche Durchschnittsbürger“ handelt.
Dieser Widerspruch ist kein Zufall. Er ist Teil der Dramaturgie.
Komplexität wird reduziert, Ambivalenz zugespitzt – zugunsten einer Geschichte, die sich besser verkauft als sie erklärt.
Wenn Einordnung zur Verzerrung wird
Besonders auffällig ist die wiederkehrende Psychologisierung. Vorbereitung wird als Symptom gelesen: als Ausdruck von Angst, Misstrauen oder gesellschaftlicher Entfremdung.
Das ist eine mögliche Interpretation.
Aber es ist nicht die naheliegendste.
Denn Vorbereitung kann ebenso gut Ausdruck von Verantwortung, Erfahrung oder rationalem Risikomanagement sein. Wer Wasser lagert oder einen Gaskocher bereithält, trifft keine extreme Entscheidung – sondern eine pragmatische.
Die Gleichsetzung von Vorsorge mit Angst ist deshalb weniger Analyse als Framing.
Eigene Erfahrungen mit verzerrter Darstellung
Dass es sich dabei nicht um einen Einzelfall handelt, zeigt auch unsere eigene Erfahrung.
In der Vergangenheit haben wir beim Schweizer Presserat Einsprache gegen die Berichterstattung von Blick-Redaktor Robin Bäni erhoben. Grund dafür war unter anderem, dass Aussagen von uns aus dem Zusammenhang gerissen und in einer Weise dargestellt wurden, die erkennbar darauf abzielte, uns ins Lächerliche zu ziehen.
Diese Art der Zuspitzung mag im Boulevardjournalismus üblich sein.
Sie wird jedoch problematisch, wenn sie systematisch ein verzerrtes Bild erzeugt – nicht nur von einzelnen Personen, sondern von einem ganzen Themenfeld.
Die Realität wird ausgeblendet
Was im aktuellen Artikel weitgehend fehlt, ist die sachliche Einordnung realer Risiken.
Versorgungsengpässe, Stromausfälle, Naturereignisse oder systemische Störungen sind keine abstrakten Szenarien. Sie gehören zur Realität moderner Gesellschaften. Selbst staatliche Stellen weisen regelmässig darauf hin, dass Vorsorge sinnvoll und notwendig ist.
Prepper reagieren also nicht auf Fantasien, sondern auf reale Möglichkeiten.
Diese Perspektive bleibt im Artikel auffallend blass.
Ein Ausschnitt wird zum Gesamtbild
Die Forschung von Julian Genner beleuchtet unter anderem Aspekte wie Misstrauen, politische Ränder oder gesellschaftliche Spannungen. Das ist legitim – jede wissenschaftliche Arbeit setzt Schwerpunkte.
Problematisch wird es dort, wo dieser Ausschnitt als repräsentativ für die gesamte Szene dargestellt wird.
Denn die Realität ist deutlich breiter:
Familien, Handwerker, Unternehmer, Outdoor-Enthusiasten und ganz normale Bürger, die sich mit Selbstversorgung und Krisenvorsorge beschäftigen.
Diese Vielfalt passt schlecht in einfache Narrative.
Und genau deshalb scheint sie in solchen Artikeln immer wieder in den Hintergrund zu rücken.
Wer sich ernsthaft mit Krisenvorsorge auseinandersetzt, sollte sich nicht von Schlagzeilen irritieren lassen.
Entscheidend sind nicht zugespitzte Einzelfälle oder psychologisierende Deutungen, sondern fundierte Empfehlungen von Behörden und Fachleuten.
Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung rät seit Jahren zu einem Notvorrat und grundlegender Vorbereitung. Diese Empfehlung basiert nicht auf Angst, sondern auf Erfahrung.
Es spricht wenig dafür, bei der eigenen Vorsorge andere Massstäbe anzulegen als in allen anderen Lebensbereichen: Man orientiert sich an belastbaren Quellen – nicht an der lautesten Erzählung.
Auch wir haben Julian Genner schon vor einiger Zeit eingeladen, sich ein eigenes Bild zu machen – jenseits von Interviews und Beobachtungen aus der Distanz. Die Einladung, unsere Arbeit und die Realität hinter dem Begriff „Prepping“ kennenzulernen, wurde nicht wahrgenommen.
Gerade vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie vollständig ein Bild sein kann, wenn wesentliche Perspektiven bewusst oder unbewusst aussen vor bleiben.
